Leonce und Lena im Zirkus: Tolles Freilicht-Spektakel
Manfred Kunz in der Mainpost vom 19.6.2009

Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ macht in der Inszenierung des Zirkus Keil eine ausgezeichnete Figur
Sprichwörtlich ins Wasser fiel die Freilicht-Premiere auf der Sommerbühne des Würzburger theater ensemble.
Gespielt wurde Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ trotzdem – und zwar drinnen und mit bemerkenswertem Erfolg.
Das lag vor allem am schlüssigen Inszenierungskonzept von Regisseur Homer Berndl, gleichermaßen aber auch an der
beachtlichen Leistung der bunten Artisten- und Schauspielergruppe „Der Keil – Zirkus der sieben Sensationen“.

Büchners einziges Lustspiel bietet reichlich komödiantische Momente, die oft genug auch ins Grotesk-Absurde,
ja geradezu Clowneske auswuchern. Diesen circensischen Charakter des Textes aus dem Jahr 1838 stellt
Homer Berndl in den Vordergrund. Das fängt bei der Typisierung und Kostümierung der Figuren an, geht über
die mimischen Ticks der Mitglieder des Hofstaats und die – die Ironie betonende – Sprechweise aller Darsteller
bis hin zu manch überraschendem szenischem Gimmick, wie man ihn im guten Zirkus im Repertoire hat.

Der amtsmüde König (Kevin Smith) ein sympathischer Trottel; der – als Drei-Personen-Band musizierende –
Hofstaat (Wolf Otto, Michael Förster, Hannah Förster) eine Ansammlung willfähriger Kriecher und ideenloser
Schleimer; die verblichene Liebe Rosetta (Daniela Heller) als träumerisch-naive Unschuld vom Lande; Lenas
gluckenhaft-fürsorgliche Gouvernante (Konstantin Meisel) durch Travestie ins geradezu Widersinnige gesteigert;
Leonces Kumpel und Geistesbruder (Jan-Philipp Dietl) ein Tramp als „Deus ex Holzkiste“ und veritabler
Leidens- und Saufgenosse.Suche nach dem Paradies

Und dann die beiden Titelfiguren: Alexander Blühm hat seinen Leonce offensichtlich verinnerlicht, so genau trifft
er den Grat zwischen Liebesfrust und Liebeslust, zwischen Melancholie und Lebenslust. Ein Prinz, dem der
Weltekel in jeder Faser seiner Kostümierung anzusehen ist, ein idealistischer Träumer auf der Suche nach dem
Paradies im Diesseits mit dem Bewusstsein, es ohnehin nirgends zu finden.

Die Entdeckung des Abends ist Karo Janotta als Lena. Mit überwältigender, geradezu kindlich-naiver Spielfreude,
enormer sprachlicher Variabilität und intensiv gezeigter Emotionalität, schlägt sie den Bogen von der anfänglichen
Zwangs-Verlobten über die sich spontan und hoffnungslos in den ihr unbekannten Leonce Verliebenden bis hin
zur Automaten-Braut und dann vom Schicksal überlisteten tatsächlichen Gattin und neuen Königin vom Reich Popo.
Das Publikum erlebte das ganz und gar außerordentliche Bühnendebüt eines Talents.

Trotz der vielen grotesken Situationen meidet Regisseur Berndl jegliche Annäherung an Klamauk, hält wunderbar
die Balance zwischen ironischer Zuspitzung und der Bloßlegung romantisch-verklärter Ideale.